Meeting wie im Leben

Grau, trotz Sonne

Nichts bewegt sich, nichts geht voran.

Alles steht, nichts bewegt sich, bis es beginnt zu rutschen.

Unkontrolliert, langsam, zitternd, hoffnungslos und unaufhaltsam. Aber langsam.

Streit, Stänkerei, verletzter Stolz. Alles klebt, aber nichts geht voran.

Gelähmt sitzen sie da im Grau, antriebslos, unbeweglich, rutschend.

 

So long Chris

Advertisements

Wahnsinn

Dieser Eintrag wird Dein Leben verändern. Du wirst überrascht sein, was am Ende passiert. Nur wenn Du zu Ende liest, wirst Du wissen, was keiner ahnte. Aber es war eine unglaubliche Befreiung. Sieh Dir das Bild genau an:

Und dann passierte das Unglaubliche: Ich musste kacken.

 

So long Chris

Das Boot ist voll

Abschieben, Abschießen, Abschließen!

Der Sportminister, unter dessen Führung Deutschland noch kein WM Spiel gewinnen konnte, ist auch für das Innere zuständig und versucht gerade, die AfD rechts zu überholen. Alles zum Wohle des Bayrischen Wahlvolkes, welches durch Hetzmedien und fehlender Information genau das will. Derzeit werden pro Monat 10000 Asylanträge gestellt, teilt man das durch zehn (16 Bundesländer, aber Bayern ist groß), kommt man auf 1000 pro Monat, sind bei 20 Arbeitstagen 50 pro Tag. Gegen diese Flut muss man alles in die Waagschale werfen, was man hat. Auch die europäische Einheit.

Wir können nicht jeden aufnehmen. Ich war letztens im ICE unterwegs und zwischen Braunschweig und Göttingen dachte ich, verdammt viel Platz hier, da passen locker ein paar Millionen hin. Dann für der Zug von Kassel nach Fulda. Man könnte natürlich auch eine Stadt dort bauen, die wir, sagen wir mal vorsichtig, Wolfsschanze nennen, und dann müssen alle AfD Wähler da hin ziehen. Und ein bekanntes deutsches Betonunternehmen probt da schon mal einen Mauerbau. Zwischen Kassel und Fulda findet sich bestimmt auch ein bewaldeter Hügel, der als Exklave für die Reichsbürger übrig ist.

Auf einem kleinen Planeten in einem von Milliarden Sonnensystemen in einer von Milliarden Milchstraßen am Rande des Universums werden nur Temperaturen von -100° bis + 80° erreicht, es umgibt diesen Planeten ein genau richtig großer Mond, es entsteht eine Atmosphäre. Irgendwann entstehen aus ein paar Molekülen Einzeller, die chemische Prozesse nutzen, und beginnen, sich zu reproduzieren. Aus diesen Einzellern entstehen kleine Tiere, kleine Pflanzen, die im Ozean herumtrieben. Und nach nur ein paar Milliarden Jahren werden daraus auch Menschen. Wenn man sich nur kurz vorstellt, welch unfassbares Glück, welch unvorstellbare Zufälle dafür gesorgt haben, dass wir hier auf einem kleinen Planeten so leben, wie wir leben. Wenn man kurz innehält. Und dann stellt man sich den Seehofer vor, wie er sagt, es gibt illegale Menschen. Abschieben, Abschießen, Abschließen!

So long Chris

Für mehr Besen im Garten- und Landschaftsbau

Schon wieder Hagen Hbf. Aber jetzt kurz vor sechs am Morgen. Ein Mitarbeiter der Stadt startet seinen Laubbläser. Wer am Hagener Hbf wohnt, ist Kummer gewohnt, aber das hat er nun wirklich nicht verdient. Normal ist das auch nicht.

Was ich gar nicht wusste bis heute: Noch nie hat ein katholischer Bajuware eine Frau gefickt, obwohl sie das nicht wollte und sie danach erwürgt. Ist ja auch eine Erkenntnis. Habe gerade 233 Kommentare zur letzten Umfrage zur Bayernwahl gelesen. Auf welt.de. Die AfD Bots funktionieren hervorragend und bauen auch manchmal Tippfehler ein. Nun gut, ich hoffe, es sind Bots. Ansonsten wäre das nicht normal.

Da ich immer älter werde, vergesse ich immer mehr Dinge. Auch beim bloggen. So wollte ich beim letzten Eintrag noch unbedingt unterbringen, dass es jetzt Scheinwerfer gibt, die 42 einzeln ansteuerbare LEDs enthalten. Da sitzt eine Recheneinheit nur für die Scheinwerfer im neuen Benz. Das ist doch nicht mehr normal. Aber hatte ich vergessen, aber jetzt ist es mir ja wieder eingefallen. Leider. Ich würde das gerne für sehr lange Zeit vergessen.

Mein Kunde aus Sachsen Anhalt fertigt auf drei Meter großen Werkzeugen Plastikverpackungen für die Rückleuchten für Bentley. Wenn man das alles hochrechnet, auf Frontleuchten mit 88 einzeln ansteuerbaren LEDs, Lenkrad, Zigarrenanzünder und nur über eine Uhr zu öffnende Fahrertüre, das ist doch wirklich nicht mehr normal.

In drei Wochen steht, nach zweieinhalb Jahren Projekt, die Umstellung der Warenwirtschaft bei unserem Lieblingskunden an. In Bayern. Für die fahre ich nach Bayern, immer im Bewusstsein, ohne Grund verhaftet werden zu dürfen. Muss nur gefährlich oder depressiv gucken, dann darf man verhaftet werden da. Leider kein Scherz. Ich bin für das Produktionsmodul verantwortlich, läuft auch technisch, aber alle Mitarbeiter meines Teams haben entweder gekündigt (ohne dass man mir das mitgeteilt hätte) oder fahren in Urlaub. Und haben nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei. Dementsprechend motiviert sind die übrig gebliebenen und ich. Was die Näherinnen über ihre Chefs gesagt haben, war selbst auf diesem blog nicht publizierbar und trotzdem so treffend.

Anderes Wissenswertes: Oralsex entspannt die Kaumuskaltur. Weil frau dann ja nicht kauen darf.

Dem hätte ich nichts hinzuzufügen.

So long Chris

Halb zwei, Hagen Hbf, nachts

Für jede Minute Verspätung eines Reisenden durch den „Notarzteinsatz auf der Strecke“ soll das Arschloch ein Jahr in der Hölle schmoren und erst danach vor Allah treten und sein Gottgefallen bewertet werden.

Das war mein erster Gedanke, und nachdem Falschinformationen des Zugpersonals alles noch viel schlimmer gemacht hat und ich jetzt um halb zwei am Hagener Hauptbahnhof sitze, und wer den nicht kennt, stelle sich einfach das Schlimmste an Menschenschlag, Architektur und Wetter vor, was er sich vorstellen kann, kombiniere dies und bekommt ungefähr ein Drittel dessen, was der Hagener Hauptbahnhof darstellt. Gerade habe ich zwei Euro einem Verzweifelten gegeben, der noch ein Ticket nach Essen braucht, über den unnützen und hässlichen Platz rennt ein hässlicher Mann mit einem hässlichen weißen Trainingsanzug und schreit in sein Handy, die Kämpfer der Syrischen Freien Armee, die auf Urlaubsreise in Deutschland sind, ruhen sich aus von den anstrengenden Tagen in der Massenunterkunft und die DHL LKWs fahren die Bundesstraße entlang und bringen die amazon Pakete von da nach da. Zwei Jahre Hölle für jede Minute, die ich später zu Hause bin, sind angemessen. Und was Hölle bedeutet, bitte bei Pierre Vogel nachschauen. Die Hölle meine ich, nicht die von Ruthe.

Aber dann ist es halt so, dass ich hier sitze, es eigentlich angenehm lau ist, manchmal regnet es auch in Hagen nicht und ich kann mir Gedanken machen. Erst vor zwei Stunden bekam ich eine Mail, die mich eigentlich aufregen sollte, aber sich beim zweiten Lesen als eine wunderschöne Liebeserklärung inklusive einem ungeahnten Kompliment entpuppte. Auch wenn Rücksichtnahme nicht als solche erkannt wird, ist die Botschaft angekommen. Und gleich lege ich mich ins Bett, in dem Bewusstsein, dass morgen nicht alles gut sein wird, aber ich aufwachen werde und es besser machen kann. Und ich nicht zur Arbeit fahre. Könnte schlechter laufen.

Und diese arme Seele, die so verzweifelt war, dass ein Zug als einziger Ausweg erscheint, die ist verloren. Für immer. Ach wenn es für sie morgen nicht gut gewesen wäre, vielleicht wäre es besser geworden. Wenn sich nicht gerade ein Fussballnationaltorwart vor den RE stellt, erfährt man ja auch nie etwas über den Menschen, Motivation. Kurzschlusshandlung oder jahrelange Qual? War er alleine oder hatte er sogar Hilfe, aber alles half nichts?

Und so sitzt man auf einer Bank vor Hagener Hauptbahnhof, denkt über das Leben und den Sinn des Lebens nach, hinterfragt sich und sein Leben, hinterfragt Menschen, Städte, Kriege. Und kommt nie zu einem Ergebnis, mit dem man zufrieden ist.

So long Chris

P.S. Ich will dem Hauptbahnhof nicht Unrecht tun. Innen war er mal ein toller Bahnhof, mit kunstvoll gestalteter Eingangsfassade, einem riesigen Fensterbild und Geschäften für Hochwertiges, wovon noch die alten Malerarbeiten auf dem Putz über den Eingängen der Filialen bekannter Ketten zeugen. Aber man lies ihn verkommen, versah jeden Vorsprung mit Taubenstacheln (was den Tauben egal ist, sitzen sie halt auf den Lampen) und baute Zweckmäßiges hinein. Und wenn woanders Alt und Neu ein harmonisches Bild liefern, so ist das in Hagen nicht gelungen.

Vandalismus erhalten!

 

OK, ich hatte mich verlesen, der aufgesprühte Spruch unter einer Brücke lautete tatsächlich: „Kapitalismus erhalten!“, was ich bei aufgesprühten Sprüchen unter der Brücke eher nicht erwartet hatte. Und das „K“ war etwas verrutscht und sah wie ein „V“ aus.

Bei meiner Grübelei, ob man den Kapitalismus wirklich erhalten sollte, und wieso so etwas unter einer Brücke steht, gefiel mir die Aussage „Vandalismus erhalten!“ immer besser. Getreu dem Motto: „Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“

Sowas lief früher im ÖR, damals war man nicht so Mimimi, wie heute, wo ein schlecht gemachter Spruch über definierte Körper ganze Musikpreise zusammenfallen lässt. Damals, als es noch kein Social Media gab, welches die Bürgermeinung jederzeit zu jedem Thema darzustellen glaubt. Wer 1970 keine Negermusik von ungewaschenen Halbstarken hören wollte, machte den Fernseher aus. Und der vibrierte nicht, weil wieder irgendjemand zu irgendwas eine Meinung postete, oder ein Photo von seinem nächsten Stuhlgang der Netzgemeinde zur Verfügung stellte. Ein auser Fernseher war aus.

Da ich derzeit autolos bin, freute ich mich letzten Dienstag, dass ich mir ein Auto leihen konnte, fuhr flugs in Neuss auf die Autobahn und stand in einem 9 km Stau, der auf einem LKW Unfall beruhte und eine Stunde Verzögerung mit sich gebracht hätte. Aber ich bin ja schlau, kenne mich aus, fahre ab, nur kurz in Düsseldorf über den Südring und hatte eine und eine halbe Stunde Verzögerung. Als ich so über dem Rhein stand, und vor mir, hinter mir, neben mir auf allen sechs Spuren von links nach rechts, und auch von rechts nach links, Autos waren, die alle nicht fuhren, sondern standen, wurde mir klar, dass dieses Konzept Individualverkehr gescheitert ist. Schon ohne Monsterstau stelle man sich an einem normalen Werktag zu einer beliebigen Zeit in einer beliebigen Kleinstadt an eine beliebige Ausfallstraße und schaue auf die Autos. Auf die schiere Unmenge an Autos. Und dann bedenke man, dass jede Kleinstadt mindestens zwei Ausfallstraßen hat, und dass es in Deutschland über 600 Städte gibt, die über 20000 Einwohner haben und bei den 3000 Städten mit mehr als 10000 Einwohnern sieht es ja nicht anders aus. Würde man jetzt aus gutem Grund den Vandalismus erhalten und jeder Deutsche schlüge ein Auto pro Tag kaputt, wäre die Geschichte in knapp 18 Stunden vorbei. Und mir gerade egal, weil ich ja autolos bin.

Warum fährt man Auto? Weil man irgendwo hin muss, wo es aber genauso scheiße ist wie zu Hause, nur anders halt. Weil man nicht mehr einkaufen kann um die Ecke, weil da niemand mehr einen Laden hat, weil man nicht mehr arbeiten kann, wo man wohnt, denn der bessere Job ist halt in der Nachbarstadt. Weil das Schulkind nicht mehr mit dem Fahrrad zur Schule kann, weil so viele Autos die anderen Kinder zur Schule bringen und es daher zu gefährlich ist. Und Fahrradfahren ist gefährlich. Erst gestern machten Sohn und Papa eine Fahrradtour und kurz nachdem Sohn mitteilte, dass Fahrradfahren ja eigentlich Spaß mache, ein bisschen wenigstens, stürzte er. Wie jedes Jahr. Blut quoll aus dem Knie. Und dem anderen Knie. Voll gefährlich.

Viel gefährlicher ist es, mit dem Auto tagein tagaus irgendwo hinzufahren, immer hin und her, dabei alles Leben zu vergessen, in einer Sackgasse stecken zu bleiben, aber trotzdem immer hin und her zu fahren, weil man sich nicht aus der Sackgasse traut. Macht kaputt, was Euch kaputt macht, vor knapp 50 Jahren so aktuell wie heute, und auch wenn man alleine da steht, es ist besser, als jeden Tag dieselbe Scheiße zu tun.

Ich mache jetzt Feierabend, fahre mit dem Fahrrad zur S-Bahn und freue mich wie Bolle auf nächste Woche, denn dann kaufe ich mir ein Auto.

So long Chris

 

 

Wir sind wieder da

Da gibt es doch tatsächlich Menschen, die jetzt schon sagen, dass Fortuna nervt. Aber Fortuna ist wieder da. Im Gegensatz zum HSV. Und ich möchte ja nicht unken, aber von allen 78 Mannschaften in den drei Profiligen ist in den letzten 55 Jahren nur ein Verein nie aufgestiegen: Der HSV.

In Rade war Stadtfest. Und Konfirmation. Das war ganz praktisch, dass man zum Abendmahlgottesdienst hinfährt und direkt von der Kirche auf dem Marktplatz vor der Bühne steht. Und vorm Bierwagen. Leider hatte der Bierwagen nur Schaum und kein Bier. Deswegen war ich nüchtern genug, um, wie schon all die Jahre vorher zu verschiedensten Gelegenheiten, festzustellen, dass es ja wesentlich mehr hässliche Menschen gibt, als hübsche. Ungefähr 10:1. Und je später der Abend und je mehr Bierschaum, sagen wir mal so, Alkohol macht nicht hübscher.

Sonntags fand ich es erstaunlich, dass alle plakativen und pauschalen Beschreibungen des Niedergangs der christlich abendländischen Kultur vollkommen zutreffend sind. Früher war eine Konfirmation eine wirklich ernste Sache. Heute haben die Konfirmanden Turnschuhe an, die Väter checken während der Predigt die facebooktimeline und tatsächlich ist kaum mehr jemand in der Lage, der Show über eine Stunde zu folgen, ohne irgendeine Ablenkung zu benötigen. Ehrlich gesagt, ich fand es schon immer grotesk, was der oder die Kirchenvorsteher da so erzählen und in Gedanken kann ich eigentlich alles argumentativ widerlegen, aber zumindest den Respekt zolle ich den Menschen, die aus irgendeinem Grund den zweitausend Jahren alten Geschichten auch heute noch Bedeutung zumessen. Sonst müsste man ja nicht hingehen. Aber wenn jetzt auch schon in Fußballstadien Popcorn verkauft wird, ist es mit der Kultur ohnehin nicht so weit.

In diesem Sinne, wir sind Fortuna, wir sind wieder da, ein Verein, ohne Investor, ohne Gönner, ohne Geißbock und ohne Schulden, ohne Kirmesmusik, ohne Hymne, ohne Maskottchen, ohne „3NuuuuullllDankeBitte“ Klamauk und stolz drauf!

 

So long Chris

Öffentlicher Personenverkehr

Öffentlicher Personenverkehr ist so wichtig. Insbesondere der Öffentliche Personennahverkehr. Der Öffentliche Personennahverkehr sorgt dafür, dass die Lohnsklaven um unteren Ende der Einkommensskala auch zu den entfernteren Produktionsstätten kommen können, ohne der Industriellengattin zu viel Stickoxide in die empfindlichen Lungen zu blasen. Zudem ermöglicht der Öffentliche Personennahverkehr Platz auf der Straße für die SUVs der linksgrün versifften Eliten, wenn sie ihre Blagen zur Schule helikoptern müssen. Und der Öffentliche Personennahverkehr festigt den Charakter. Man wird einfach beherrschter in allen Lebenslagen, wenn man nur ein oder zwei Wochen Bus und Bahn fährt. Daher sollte jeder, der täglich mt dem Auto zur Arbeit fährt und täglich auf Stau und Parkplatzsuche schimpft, eine Woche im Jahr Öffentlichen Personennahverkehr nutzen, damit er weiß, wie gut er es hat.
Beginnen wir im Regionalexpress von Wuppertal Oberbarmen nach Köln an einem normalen Montagmorgen. Der Regionalexpress heißt so, weil er total schnell zwischen Städten hin und her fährt und nur da anhält, wo mindestens zwei Milchkannen am Bahnhof stehen. Im Gegensatz zur Regionalbahn, der auch die Vororte von 10000 Einwohnerstädten mit einem Halt beehrt. Ich schweife ab. Aber das ist normal. Ich blogge immer so. Wenn ich mal blogge. Also, im RE nach Köln setzt sich der junge Herr schräg gegenüber meinem Sitzplatz. Das ist schon ein highlight, wenn man sitzen kann. Der junge Herr nimmt ein Buch aus dem Rucksack und beginnt zu lesen. Das macht in schon mal per se sympatisch. Ein Buch! Ein richtiges Buch! Ein Exot. Auch seine Kleidung spricht dafür, dass er ein unangepasster Sympath ist. Er trägt keine Jeans. Im Jahr 2018 reicht das schon aus, um unangepasst zu sein. Ich schließe die Augen, es ist schließlich kurz nach sechs. Morgens. Da bin ich müde. Da schlafe ich normalerweise. Autos sind schon eine tolle Sache. Regionalexpresse nicht so. Der junge Herr hat Schnupfen. Und zieht die Nase hoch. Nicht so ein bisschen, ein paar Tropfen, sondern direkt so ein Schnapspinnchen voll. Ich öffne die Augen. Der junge Mann liest. Alles gut, wir erreichen Wuppertal Hauptbahnhof. Ich schließe die Augen, der junge Kerl zieht die Nase hoch. Ich lasse die Augen geschlossen. Viele Leute steigen in Solingen aus. Vielleicht steigt der junge Typ dann aus. Inzwischen merkt er wohl selbst, dass er Probleme beim Atmen hat. Und erhöht die Frequenz des Hochziehens. Leider steigt er in Solingen nicht aus. Ich öffne die Augen. Ich starre ihn an. Der junge Penner zieht unverdrossen alle zehn Sekunden ein Bierglas Rotze in sein Gehirn. Ich muss an Grönemeyer denken. Meine Faust will in sein Gesicht und darf nicht. Ich schließe die Augen, und versuche an ein Formel 1 Rennen zu denken. So ziemlich das einzige Ereignis, welches einen Lärmpegel herstellt, der dieses fürchterliche Geräusch im Sekundentakt übertönen könnte. Es gelingt mir nicht. Der junge Drecksack ist versunken in sein Buch. Und ich bin froh, als der RE Köln erreicht. Ich steige aus.
Denn hier in Köln wartet ein ICE auf mich. Es ist Montag morgen und der ICE fährt die Creme de la Creme des Finanzspektakels aus dem Ruhrgebiet nach Frankfurt in die Türme aus Geld. Na ja, vielleicht sind es auch nur die Wasserträger des Finanzspektakels, die Creme de la Creme wird mit einer Limousine gefahren. Was weiß ich. Aber es sind verdammt viele Menschen in so einem ICE. Natürlich habe ich eine Platzkarte. Und natürlich hatte der RE 10 Minuten Verspätung, was ich vergaß zu erwähnen, weil der junge Arschsaupimmelmann meine gesamte Aufmerksamkeit bekam. Aber wenn man nur 11 Minuten hat zum Umsteigen, dann ist es eilig. Also sprinte ich zum ICE, erreiche ihn zum Pfiff des Schaffners und springe hinein. Unnötig zu erwähnen, dass ich im falschen Zugteil sitze. Das bedeutet eine Stunde im Gang stehen. Hier sitzen ungefähr 900 Menschen und dreißig stehen und ich bin einer der dreißig. Montag morgen halt.
In Frankfurt steigen die Menschen aus, die mit unserem Geld verdienen und ich kann mich hinsetzen. Ich muss nach Aschaffenburg. Also, in einen Vorort von Aschaffenburg. Ein weiteres Thema menschlicher Abgründe, aber dazu vielleicht an anderer Stelle mal mehr oder weniger. Ich kenne die Strecke. Ich schließe die Augen. Für vielleicht zwanzig Minuten ein wenig Dösen bis zur Mainmetropole dritter Klasse. Nach zwanzig Minuten öffne ich die Augen. Und bin hellwach. Hier war ich noch nie. Ich kenne die Strecke. Und das hier ist weder Frankfurt, noch Offenbach, nicht Hanau und erst Recht nicht Aschaffenburg. Und auch nicht Würzburg. Immerhin. Wo zum Teufel sind wir. Und warum macht der Zug sowas? Wir fahren 48 km/h. Höchstens. Und fahren um einen riesigen Industriekomplex herum. Wirklich, so mit 90° Kurve. Merck. Merck ist ein führendes Wissenschafts- und Technologieunternehmen in den Bereichen Healthcare, Life Science und Performance Materials. Scheiß was drauf. Aber nach der 90° Kurve stimmen wenigstens wieder Sonnenstellung und Fahrtrichtung. Wir sind also in Darmstadt. Ich mag Darmstadt, obwohl ich nie da war. Liegt an den Lilien. Aber ich wollte da nicht hin. Und wenn die Menschen der Bahn einfach vorher sagen könnten: „Hey, wir fahren jetzt mal ne kleine Runde durch die Gegend und kommen 20 Minuten später da an, wo Sie hin wollen.“ Das wäre toll. Danke.
Bevor der Eintrag so lang wird, dass ihn eh keiner mehr liest, noch die zwei highlights, die charakterstärkend in die Geschichte eingehen werden: Zwei Aschaffenburger im Bus, die sich 15 Minuten unterhalten. Gleichzeitig sprechend. Ununterbrochen. Im Dialekt. In der Lautstärke, die alte Männer in jahrelanger Erfahrung aus übervollen Kneipen gelernt haben.
Abends um 22:45 Uhr im RE aus Köln nach Wuppertal Oberbarmen sitzt da dieser andere junge Herr mir schräg gegenüber, schaut angepasst in sein smartphone und popelt in der Nase, findet und isst. Ich kann nicht schnell genug die Augen schließen. Fünf Minuten später öffne ich die Augen wieder. Er findet und isst.
Morgen kümmere ich mich um mein Auto. Versprochen.

So long Chris